Das ist ja mal spannend: Ich will Euch von etwas erzählen und stolpere bei den Recherchen letztlich über: mich.
Und das kam so:
Vor vielen, vielen Jahren studierte ich Germanistik. Eines Tages fragte mich eine Sekretärin bei uns am Fachbereich:
“Sagen Sie mal, Sie sind doch so mit Internet und so — wir haben da ein Problem. Der Herr Professor hat da dieses Zitat und wir wissen nicht, von wem es ist. Können Sie nicht mal schauen, ob Sie da was rauskriegen?”
Natürlich bot ich meine Hilfe an, allerdings schon darüber sinnend, was ich außer Google und vielleicht ein paar alten ollen anderen Suchmaschinen (die eigentlich keiner mehr benutzte), auffahren könnte, um dieses Rätsel zu lüften. Aber stolz war ich schon. Nach einiger Zeit saß ich ratlos vor der Tastatur und fragte meinen jüngeren Bruder Alex, der gerade anfing, etwas in den Tiefen des Usenets herumzuklettern, ob er Rat wüsste.
Stunden später kam er mit einer Liste möglicher Zitatquellen und war damit mein Retter — und ich galt seither als das Internetgenie am Fachbereich, bekam ein “Sie sind ja unglaublich!” und zwei Flaschen guten Weines. Den Zettel mit den Ergebnissen habe ich natürlich leider längst verloren.
Das Zitat lautete “Ich habe einen Gefangenen gemacht und er lässt mich nicht los.” und lässt seither mich nicht mehr los: es ist regelrecht fesselnd. Das ganze ist jetzt 7 Jahre her und ich denke immer noch oft darüber nach und frage mich, wer das wohl mal geschrieben haben mag.
Als ich dieses Post vor einigen Minuten begann, war es mein Ziel, an dieser Stelle mal ratlos blickend in die Runde zu fragen, ob nicht vielleicht jemand von dem noch recht überschaubaren Kreis meiner Leser eine leise Ahnung haben könnte von dem, der einen Gefangen gemacht hat, der ihn nun nicht mehr entlässt.
Aber: Bevor ich mir die Blöße geben wollte, Euch etwas zu fragen, was man mittlerweile mit einfachem Gegoogle herausfinden kann, habe ich das ganze natürlich selbst erstmal eingegeben. Und fand ein Usenetarchiv mit eben der Frage meines Bruders inklusive der gegebenen Antworten:
Hallo!
Mein Bruder (Germanistik-Student im 6. Semester) fragte mich heute,
von wem folgendes Zitat wäre:
“Ich habe einen Gefangenen gemacht und er lässt mich nicht los“
Ingeborg Bachmann hat dies mal verwendet, allerdings nur unter
ungenauer Quellenangabe.
Ich und mein Bruder bitten um Hilfe.
Gruss und danke
alex
An dieser Stelle also, reichlich verspätet, auch noch mal mein Dank an die Helfer! Ich denke, Heine ist die Auflösung (von Wolf Busch):
Margareta
(König Heinrich VI. Erster Teil)
Hier sehen wir die schöne Tochter des Grafen Reignier noch als Mädchen. Suffolk tritt auf und führt sie vor als Gefangene, doch ehe er sich dessen versieht, hat sie ihn selber gefesselt. Er mahnt uns ganz an den Rekruten, der, von einem Wachtposten aus, seinem Hauptmann entgegenschrie: »Ich habe einen Gefangenen gemacht.« — »So bringt ihn zu mir her«, antwortete der Hauptmann. »Ich kann nicht«, erwiderte der arme Rekrut, »denn mein Gefangener läßt mich nicht mehr los.«
(Heine: Sämtliche Werke, Bd. III, Schriften zu Literatur und Politik I, München: Artemis & Winkler, 1992; S. 625)
siehe hier.
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