Science: Sisyphos und die Literaturrecherche
Science Februar 27th, 2008Eine wissenschaftliche Arbeit schreiben heißt, den aktuellen Stand zu einem Thema zusammen zu fassen und zu erweitern. Das heißt, vor der eigentlichen Arbeit kommt die Recherchearbeit, das Anhäufen von Wissen, genauer: von Quellen. Wer hat dazu schon mal was gesagt? Was ist “dazu” eigentlich genau? Schneidet sich das mit anderen Themen? Wer sind die wesentlichen Forscher, was sind ihre Arbeiten, auf wen berufen sie sich, seit wann gibt es das ganze, was sind Entwicklungen und Tendenzen, Schulen und Fronten des ganzen Themas? An und für sich eine ermüdende Arbeit, denn man liest nur wenig, hauptsächlich Titel des Aufsatzes, Namen der Autoren, gegebenenfalls drei Sätze aus dem Abstract und dann die jeweiligen Literaturverzeichnisse. Dann wird weiterverfolgt. Aha. Der scheint mehr zu dem Thema zu machen. Das hier klingt auch interessant, ob ich das einbauen kann? Ach ja, die haben ja mal was zusammen gemacht, hätte man sich denken können. Man nennt das auch das Schneeballprinzip. Man nehme einen beliebigen Aufsatz und fahre fort bis an sein Lebensende. Sisyphos.
Aber nein, ich will mich nicht darüber beschweren, dass so gut wie jedes Thema unscharfe Kanten hat und damit ganz fürchterlich ausfransen kann wenn man sich an seinen Rand begibt, sondern über etwas ganz anderes. Die Schwierigkeit, die gesammelten Erkenntnisse irgendwie verwertbar zu halten. Im Zuge der Recherche für meine Magisterarbeit (“Für Deine was? Gibts da ne Liste?”) hatte ich gegen Ende um die 300 kryptisch benannte Aufsätze auf meiner Festplatte in verschiedenen mehr oder weniger intelligent sturkturierten Ordnern versammelt. Einige waren farblich markiert um noch zusätzliche Informationen auf Anhieb verfügbar zu machen. Dazu hatte ich eine umfangreiche Literaturliste die gut die Hälfte dieser Aufsätze mehr oder weniger einheitlich in Zitierstil erfasst hatte. Diese war voller Fehler. Diese Fehler zu beheben, dauerte Stunden, da ich oft nicht mehr herausfand, wo ich den Artikel her hatte oder aus welchem Jahr er stammte. Kurz und gut, es war ein Chaos und ich habe es nur durch sehr viel Aufwand geschafft, da wieder raus zu kommen. Aber woher kommt dieses Chaos? Hatte ich mich nicht bemüht, Ordnung walten zu lassen? Ordnerstrutktur, Liste, Farbcode — ist dass denn so schlecht? Es reicht zumindest nicht. Folgende Infos müssten irgendwie miteinander verbunden sein: Zitierangabe (das heißt Nachname, Vorname, weitere Autoren: Titel. Stadt: Verlag, Jahr. bzw. Zeitschrift, Band, Jahr, bzw. Domain, Stand), Hinweise auf den Inhalt (Tags), die Relevanz und den Ort, an dem ich das ganze gefunden, ggf. direkt zusammen mit der PDF-Datei. Ich war kurz davor, mir händisch eine html-Liste anzulegen, aber das wäre am Ende nur noch mehr Arbeit gewesen. Heute saß ich wieder vor fünf handgeschriebenen Seiten aus der Bibliothek, einem Ordner voller PDFs, einer Wong-Roll voller Links und einem Stapel Bücher. Da wunderte ich mich: Hatte ich nicht mal so eine Seite gesehen, im Netz: Literaturorganisation? Stundenlanges googlen, das mir wie schäbige Vermeidungsstrategie schien, brachte nicht den Erfolg, den mein Lieblingsliteratur– und Medienwissenschaftler in wenigen Minuten brachte: Die Rede ist vom sensationellen Markus von Text und Blog, an dieser Stelle nochmals mein tiefster Dank.
Markus brachte mich nämlich auf einige spannende Projekte, darunter das von Beluga (leider noch in Arbeit) sowie auf drei Web2.0 Dienste die im Stabi-Blog vorgestellt wurden. Diese drei erfüllen im Grunde alle den gleichen Zweck, sie helfen dem Wissenschaftler, Quellen, Inhalte und Dateien beieinander zu halten: CiteULike, Connotea und BibSonomy. Nach einem kurzen Rundflug entschied ich mich für das in der Mitte und stellte fest, dass der Support sehr freundlich ist, die Seite sehr angenehm zu bedienen und meine Hauptquelle nicht besonders bedienerfreundlich. So dauerte die Arbeit zwar lange, aber sie war wenigstens nicht fruchtlos. Hallelujah.
Edit: Und nochmals danke an Markus für Unterstützung in meinen Schischyphusch–Kampf gegen die Rechtschreibung

Februar 27th, 2008 at 23:48
Ich bin weder sensationell, noch habe ich dir im Detail helfen können. Ich hab ja nur ein paar Links rübergeschoben. DU hast doch die Arbeit gehabt und dir die Dienste angeschaut.
Freut mich, dass du mit Connotea für deine Zwecke offensihctlich fündig geworden bist. Gutes Weiterarbeiten und ab jetzt steht ja dem geordneten wissenschaftlichen “Jagen und Sammeln” nichts mehr im Wege.
Februar 27th, 2008 at 23:54
Frei nach Leben des Brian: Nur der wahre Sensationelle verleugnet seine Sensationelligkeit?
Ich sag mal so: intuitiv ist man mit so einem Programm glaube ich nie so ganz zufrieden, weil es immer was gibt, was einen stört. Aber ich widerstehe dem Impuls, das per Hand zu machen mit oben genannter Erfahrung
Und wie organisierst Du Dich?
Februar 27th, 2008 at 23:54
Ich nehme mal, Du hast eher wenig Onlineliteratur, oder?
Februar 27th, 2008 at 23:59
[…] Faustus hat auch L
Februar 28th, 2008 at 00:06
Ich habe deine Frage nicht gleich beantwortet, weil ich gerade den Blogartikel mit Hinweis auf deine Suche geschrieben hatte.
Ich habe meine Onlineliteratur (von der es sehr wohl einige gibt — sowohl zum Thema meiner Dissertation als auch zu meiner bibliothekarischen Arbeit bisher in Wikis organisiert, werde aber auch nach dem Antesten der oben erwähnten Dienste — zumindest was die Diss. betrifft — auf einen von diesen umsteigen.
Februar 28th, 2008 at 00:10
Vielen Dank, hab ich direkt gesehen. Sind ja eine nette Sache, diese Pingbacks. Wieso es die bei Blogger bloß nicht gibt?
Na gut, dass es zur bibliothekarischen Arbeit online viel gibt war mir ja bekannt. Aber auch über Deine Dissertation? Um so besser.
Ich organisiere mich seit einiger Zeit auch per Wiki, das stell ich die dann die Tage hier vor. Ist aber Mac-Only… :-/
Wenn Du umsteigen willst sag Bescheid, vielleicht kann ich dann schon Insiderwissen rausgeben…
Februar 28th, 2008 at 07:08
Ich habe mich für meine Magisterarbeit für Citavi.de entschieden — und hoffe, dass die nächsten Monate alles funktioniert.
Februar 28th, 2008 at 08:12
Stundenlanges Googlen dass mir wie schäbige Vermeidungsstrategie schien
-> Stundenlanges Googlen, das mir…
Bisher ganz nett
Gruß von der Germanistenkollegin
Februar 28th, 2008 at 09:23
@ultimonativ: Wenn ich das grad richtig überflogen habe, muss man das downloaden, oder? Mir war auch die Erreichbarkeit von jedem Rechner aus wichtig…
@Ine: Danke für den Hinweis, mein Lieblingsfehler. Ich hoffe, Du hast die zahllosen anderen nicht bemerkt…
Februar 28th, 2008 at 13:51
also ich nutze für meine Literaturrecherche Citavi. Hat super Import-Funktionen, arbeitet mit OpenOffice, Word, Mindmap und Latex zusammen und stellt jede Menge Funktionen bereit um seine Literatur und seine Ideen zu kategorisieren.
http://www.citavi.com
Ansonsten bin ich recht froh Deinen Blog gefunden zu haben. Ich habe in Münster Computerlinguistik studiert und arbeite jetzt in einer Forschungsgruppe für funktionelle Kernspintomographie (wir schauen den Leuten quasi direkt beim Denken zu
). Irgendwann kommen dazu auch mal ein paar Blogeinträge von mir.
Februar 28th, 2008 at 14:18
Freut mich, dass es Dir gefällt und wenn Du öfters vorbeischaust. Nach dem kurzen Einblick von Dir zu urteilen würde ich mich auch sehr über Berichte von Deiner Forschungsgruppe freuen. Klingt extrem spannend für mich. Citavi funktioniert außerdem leider nicht für Mac, aslo geht da gar nichts bei mir ;-(
In Münster bin ich auch öfters, ist da Deine Forschungsgruppe?
Februar 28th, 2008 at 15:01
jep, http://www.neuroimage-muenster.de
Februar 28th, 2008 at 22:58
Hallo Faustus,
eventuell solltest du dich mal erkundigen ob es an deiner Universität eine Refworks Lizenz gibt. Privat ist das Tool meines Erachtens zu teuer ansonsten erfüllt es zur Zeit die meisten deiner Anforderungen.
In naher Zukunft ist auch für Zotero (http://www.zotero.org), eine Firefox Plugin, eine Funktion geplant mit dem man Listen mit einem Webdienst synchronisieren kann.
Citavi, das schon mehrfach hier genannt wurde, soll auch eine Onlinefunktionalität bekommen, dies wird aber wvorrausichtlich noch etwas dauertn. Behelfsmäßig kann man hier mit den Import/ Export von Bibtex im Zusammenspiel mit Bibsonomy verwenden. Der Vorteil von Citavi ist das man gleichzeitig auch Funktionen zur Zitatverwaltung erhält.
Für Endnote gibt es auch einen Webdienst, der aber relativ wenige Funktionen bietet. Endnote selber ist auch relativ teuer, aber auch hier bieten manche Universitäten Campuslizenzen an.
Also Open Source Lösung ist noch JabRef in Kombination mit Bibsonomy interessant, hier erhält man dann auch eine Online– und eine Offline Komponente.
Die etwas teueren Programme haben den Vorteil, das sie auch Zitatfunktionen beim Schreiben haben, so dass man sichergehen kann, das die Angabe aller Referenzen nach einem Standard genügen.
Inzwischen verfügen viele Mitarbeiter von Bibliotheken über etwas Wissen in diesem Bereich, so dass du dich gegebenenfalls auch an deine Universitätsbibliothek wenden kannst. Auf der dortigen Webseite erfährst du auch am ehesten etwas über die oben genanten Campuslizenzen.
Viele Grüße
Patrick
März 1st, 2008 at 16:25
Hallo Patrick,
vielen Dank für die ausführlichen Tipps, ich werde mir alles im Laufe der nächsten Zeit mal näher ansehen, wobei ich hinzufügen muss, das z.B. Citavi nicht auf dem Mac läuft, diesen Faktor muss ich also auch berücksichtigen. Alles in allem muss ich aber auch sagen, dass Connotea ganz in Ordnung ist für den Anfang. Das einzige, was mich stört, ist, dass man Dateien, die man auf der Platte hat dort nicht hochladen und quasi eingliedern kann…
März 2nd, 2008 at 11:47
@Martin: Danke übrigens für den Link, sieht wirklich sehr interessant aus. Wenn Ihr mal wen zum Denken braucht, sag Bescheid…;-)
Mai 28th, 2008 at 23:07
[…] in Aktuelles, Recherche Zu Beginn habe ich ja ein wenig von meiner Suche nach einer geeigneten Literaturverwaltungssoftware geschrieben und habe ein wenig von Connotea geschwärmt. Um es kurz zu machen, die Liebe war nach […]
Juli 9th, 2008 at 13:24
Ich könnte noch Bookends empfehlen. Eine relativ preisgünstige Citationsoftware für Mac mit allerlei Funktionen (ich bin immer noch nicht wirklich weit eingestiegen)